Vor der Foto-Live-Show in Landau + Heidelberg: Interview mit Markus Mauthe (Teil 2)

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Vor der Foto-Live-Show in Landau + Heidelberg: Interview mit Markus Mauthe (Teil 2)

Markus Mauthe

Foto: Markus Mauthe / Greenpeace

Am 4. März 2019 hat ecoGuide einen Beitrag über die Foto-Live-Show „An den Rändern des Horizonts“ veröffentlicht, die Markus Mauthe am 13. März in Landau und am 14. März 2019 in Heidelberg zeigen wird. Gestern erschien in ecoGuide der 1. Teil eines ausführlichen Interviews mit Markus Mauthe. Nachfolgend wird nun der abschließende 2. Teil des Interviews mit dem Naturfotografen und Umweltaktivisten präsentiert:

Herr Mauthe, was hat Sie aus fotografischer Sicht an Ihrem Vorhaben, indigene Kulturen zu portraitieren, am meisten gereizt?

M. Mauthe: Ich habe in den 30 Jahren als Fotograf hart daran gearbeitet, einen eigenen künstlerischen Stil zu entwickeln, mit dem ich hoffe, dass er viele Menschen anspricht. Diese Entwicklung ist nie zu Ende und ich versuche, für diese Darstellungsweise auch immer neue Motive zu finden. So habe ich mich vor einigen Jahren überwunden und mit dem Tauchen begonnen, um die Welt unter Wasser für mich und meinen Fotostil zu öffnen. Das hat geklappt. Ähnlich war es nun mit den indigenen Gemeinschaften. Wäre es mir möglich, diese Menschen mit meiner Art zu fotografieren?

Am wichtigsten war mir dabei, die Schönheit und Würde eines jeden Einzelnen zu zeigen. Ich habe versucht herauszuarbeiten, was sie einzigartig macht. Alles, was auf meinen Fotos zu sehen ist, ist noch Realität. Das Wissen und die traditionellen Fähigkeiten, die ich abgebildet habe, sind noch da. In seltenen Fällen wurde ein Kleidungsstück für eine Aufnahme übergezogen oder wurden Fähigkeiten gezielt aufgeführt, weil sie im Alltag kaum noch Verwendung finden. Die Phase des Übergangs in die Moderne ist in vollem Gang. In zehn Jahren werden viele dieser Motive so nicht mehr möglich sein. Die neue Welt lässt Rituale und Tänze langweilig, Werkzeuge und Fertigkeiten überflüssig werden und Schönheitsideale wandeln. Als ich das Projekt begonnen habe, war mir bewusst, dass es in mancherlei Hinsicht ein Wettlauf mit der Zeit sein würde. Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Blick in die Geschichte der Menschheit noch habe werfen dürfen.

Mauthe Myanmar

Foto: Markus Mauthe / Greenpeace

Sie arbeiten seit vielen Jahren in enger Partnerschaft und als Referent für die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Wie kam es dazu – und warum ist das Fotoprojekt auch für Greenpeace relevant?

M. Mauthe: Die Zusammenarbeit mit Greenpeace war eine ganz bewusste Entscheidung, die ich vor 16 Jahren getroffen habe. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich es nicht mehr verantworten konnte, nur zum Selbstzweck unterwegs zu sein. Es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an, den Leuten mit schönen Bildern eine vermeintlich heile Welt zu präsentieren. Niemand, der heute mit offenen Augen durch die Welt reist, kann entgehen, welchen Problemen die Erde ausgesetzt ist. Die gewaltfreien Aktionen von Greenpeace haben mich schon von Kindheit an fasziniert. Deren Ansatz, mit zivilem Ungehorsam gegen Unrecht an Mensch und Natur vorzugehen, erschien mir schon immer als richtiges Werkzeug, die Welt tatsächlich zum Besseren zu verändern.

Ich wollte mein fotografisches Können deshalb in den Dienst der Erhaltung der Natur stellen. Mit tollen Fotos die Herzen der Menschen zu erreichen, und mit ehrlichen Geschichten auf die Probleme und auf die Erhaltungswürdigkeit einzigartiger Lebensräume hinzuweisen, ist seitdem meine Aufgabe bei Greenpeace. Mir geht es bei dieser Arbeit hauptsächlich darum, die globalen Zusammenhänge aufzuzeigen und klar zu machen, warum es im übertragenen Sinne eben doch wichtig sein kann, wenn in China der symbolische Sack Reis umfällt. Oft sind ja die kleinen Geschichten ein Spiegelbild des großen Ganzen. Deshalb ist auch das aktuelle Projekt über die indigenen Völker für Greenpeace relevant. Viele der Indigenen, die ich portraitiert habe, haben lange im Einklang mit der Natur gelebt, über Generationen waren sie fester Bestandteil intakter Ökosysteme.

Heute sind die Gesellschaften im Wandel begriffen: ihre Lebensräume werden massiv bedroht durch Abholzung, Überfischung, Staudämme, die Suche nach Öl, Gas und anderen Rohstoffen und die weltweite Intensivierung der Landwirtschaft. Hinzu kommen die immer schwerer wiegenden Auswirkungen des Klimawandels. Mit meiner Arbeit versuche ich den bedrohten Gemeinschaften eine Stimme zu geben, weil sie viel zu oft ungehört bleiben. Ich hoffe, dass meine Bilder und Geschichten die Besucher meiner Vorträge zum Nachdenken darüber anregen, auf welche Art und Weise und mit welchen Werten wir in Zukunft leben wollen.

Welche konkreten Umwelt- und Klimaprobleme konnten Sie auf Ihren Reisen für „An den Rändern der Welt“ beobachten?

M. Mauthe: Das Problem mit den Problemen ist, dass wir sie zu oft losgelöst einzeln betrachten, und häufig nicht nach ganzheitlichen Lösungen suchen. Jeder kann heute in den Medien wahrnehmen, dass wir die Regenwälder in Besorgnis erregendem Ausmaß vernichten, dass wir unsere Savannen in Agrarwüsten umwandeln, Tierarten mit der Wilderei an die Ausrottung treiben, unsere Ozeane überfischen und mit Plastik zumüllen. Genauso verschwinden durch den Einsatz von Pestiziden die Insekten, was verheerende Auswirkungen auf unsere Nahrungsmittelversorgung haben wird.

Das ist nur eine kleine Auswahl an Fehlentwicklungen. Über ihnen schwebt zusätzlich die Verschiebung des Klimas, was so ziemlich alles verändert. Der Klimawandel ist am Ende nichts anderes als das Ergebnis der maßlosen Übernutzung der natürlichen Ressourcen unserer Erde. Er verschlimmert die Vorgänge mit beängstigender Geschwindigkeit. Gerade an den vermeintlichen „Rändern der Welt“ habe ich diese Entwicklungen immer wieder vor Augen gehabt. Als wir im Norden Russlands waren, ist das arktische Packeis sechs Wochen früher aufgebrochen als üblich. In vielen Teilen Afrikas leiden die Menschen an Dürrekatastrophen, weil es immer weniger regnet. Ich habe im Südsudan für ganz kurze Zeit persönlich erlebt, was es bedeutet, keinen Zugang zu gutem Trinkwasser zu haben. Es war ein echter Alptraum, aus dem ich erwachen durfte, aber Millionen Menschen eben nicht. Das sind die potenziellen Flüchtlingsströme von morgen.

Auch in Brasilien ändert sich das Klima schon wahrnehmbar. Durch die desaströse Vernichtung des Amazonas regnet es immer weniger, dazu versiegen Quellen. Der Wald verliert seine Fähigkeit, Kohlenstoff zu absorbieren, was letztendlich Auswirkungen auf das globale Klima haben wird. Als ich in den Randbereichen des Amazonas unterwegs war, haben in Brasilien über 200.000 Feuer gebrannt, meistens durch Menschenhand gelegt. Nur, um noch mehr Weideland für Rinder und an Anbaufläche für Soja zu gelangen. Inzwischen gibt es auch immer weniger wirklich unberührte Wildnis.

In Äthiopien zum Beispiel ist der Bevölkerungsdruck so groß, dass in den meisten Nationalparks inzwischen zehntausende Menschen leben. All diese Probleme sind nur zu lösen, wenn wir uns an den Kern der Sache wagen. Die komplette Abkehr von fossilen Brennstoffen, und zwar zügig! Dazu brauchen wir eine neue Wirtschaftsordnung, die nicht auf endlosem Wachstum basiert, und nur durch immer mehr Konsum am Leben gehalten werden kann. Wir haben nun mal nur diesen einen Planeten, und der muss in Zukunft bis zu 12 Milliarden Menschen ernähren. Das kann er nur schaffen, wenn wir aufhören, ihn kaputt zu machen.

Für Ihr Projekt haben Sie den Titel „An den Rändern der Welt“ gewählt, den Bildband betiteln Sie mit LOST. Inwiefern spiegeln die Überschriften Ihre Beobachtungen wider?

M. Mauthe: Im Laufe des Projekts und meiner Reisen habe ich gemerkt, dass wir der Gefahr eines immensen Verlusts entgegensteuern. Zum einen natürlich dem Verlust einzigartiger Lebensräume, indem wir unsere Natur ausbeuten und ihr keinen Raum mehr lassen. Zum anderen einem Verlust von Lebensweisen. Natürlich unterliegen Kulturen immer einem Wandel und verändern sich stetig, so auch die Menschen, die ich besucht habe, die noch viel stärker mit der Natur verbunden sind, als wir uns das oft vorstellen können. Doch die Dynamik, das Tempo und die Art und Weise, in der sich ihre Lebensweisen durch unser Eingreifen und Handeln verändern (müssen), war vermutlich noch nie so hoch wie jetzt. Unsere kapitalistische Denke, Landraub, die Ressourcenverschwendung der westlichen Welt – das alles hat insbesondere dort einen Einfluss, wo man selten hinschaut, wo Menschen bis heute anders leben und vielleicht eher am Rande der jeweiligen Gesellschaften.

Dass sich ihre Lebensweise verändern wird, ist ein natürlicher und stetiger Prozess. Die Frage ist nur, wodurch dieser Prozess vorangetrieben wird. Wenn wir nicht aufpassen, drohen ihre Lebensformen schneller verloren zu gehen, als wir sie uns ins Gedächtnis der Menschheit schreiben können. Mich hat die fotografische Arbeit mit den Indigenen noch einmal zutiefst in meiner Meinung bestärkt, dass der einzig gangbare Weg in die Zukunft für uns alle ein Weg in nachhaltigere Gesellschaftsformen sein muss.

Hinweis: Foto-Live-Show in Landau und Heidelberg

  • Am Mittwoch, 13. März 2019, kommt Markus Mauthe mit der Foto-Live-Show „An den Rändern des Horizonts“ nach Landau (erlebt Forum Landau, Marie-Curie-Straße 3). Der Vortrag beginnt um 19.30 Uhr.
  • Am Donnerstag, 14. März 2019, findet die Foto-Live-Show „An den Rändern des Horizonts“ in Heidelberg, Karlstorbahnhof, Am Karlstor 1, statt. Der Vortrag beginnt um 19.30 Uhr (Eintritt frei).
By |Samstag, 9. März 2019|