Viktor von Weizsäcker

Viktor von Weizsäcker. Foto: Marianne Lesser (1951) / Viktor von Weizsäcker-Gesellschaft

Der kranke Mensch und das persönliche Erleben der Erkrankung war für Viktor von Weizsäcker (1886 – 1957), den Heidelberger Begründer der Psychosomatischen Medizin, ein zentrales Forschungsthema. Vom 23. – 25. Oktober 2014 befasst sich die Viktor von Weizsäcker-Gesellschaft bei ihrer 20. Jahrestagung zum Thema „Der kranke Mensch“ mit verschiedenen Aspekten der individuellen Krankheitserfahrung und des Umgangs damit im Rahmen heutiger Therapie- und Betreuungskonzepte. Veranstaltungsort ist die Medizinische Universitätsklinik Heidelberg (Im Neuenheimer Feld 410). Alle Interessierten sind willkommen, Studenten können kostenlos teilnehmen.

Die interessierte Bevölkerung ist zudem zum öffentlichen Eröffnungsvortrag am Donnerstag, 23. Oktober, eingeladen (Teilnahme kostenlos). Ab 19.30 Uhr spricht der Baseler Philosoph Prof. Dr. Emil Angehrn zum Thema „Der kranke Mensch. Leiden und Krankheit als Herausforderung der Philosophie“.

Heidelberg wichtigste Wirkungsstätte des Begründers der Psychosomatik

Heidelberg war die wichtigste Wirkungsstätte des bedeutenden Neurologen und Internisten Viktor von Weizsäcker. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, absolvierte er sein Medizinstudium z.T. in Heidelberg und arbeitete später als Medizinalpraktikant und Assistent u.a. in der Medizinischen Universitätsklinik. Nach der Habilitation zwischen seinen Einsätzen im Ersten Weltkrieg wurde ihm 1920 die Leitung der neurologischen Abteilung übertragen. 1941 erhielt er einen Lehrstuhl für Neurologie in Breslau, floh aber zum Kriegsende zurück nach Heidelberg und leitete dort ab 1945 die Abteilung für Allgemeine Klinische Medizin, den Vorläufer der heutigen Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik. 1957 starb er nach längerer Krankheit in seiner Wahlheimat Heidelberg.

Bereits 1926 kritisierte von Weizsäcker in seinem Buch „Der Arzt und der Kranke“ die „nicht zu leugnende Tatsache, dass die gegenwärtige Medizin eine eigene Lehre vom kranken Menschen nicht besitzt. Sie lehrt Erscheinungen des Krankseins, Unterscheidung von Ursachen, Folgen, Heilmitteln der Krankheiten, aber sie lehrt nicht den kranken Menschen.“ Um diesem Missstand entgegenzutreten begründete er mit seinem Mentor Ludolf Krehl die „Heidelberger Schule der Anthropologischen Medizin“. Sie sieht den kranken Menschen nicht mehr als Objekt des ärztlichen Handelns, sondern als Subjekt, dessen Empfinden die Erkrankung maßgeblich mit beeinflusst, und den sie daher als ganze Persönlichkeit mit Körper, Geist und Seele zu erfassen versucht. Auf den Punkt bringt es ein Satz von Ludolf Krehl: „Wir behandeln keine Krankheiten, sondern kranke Menschen.“

Von Weizsäckers Lehren in der modernen Medizin: Steht der Patient oder doch die Krankheit im Mittelpunkt?

In wie weit die Ziele der Anthropologischen Medizin in der heutigen Medizin verwirklicht oder auch nicht verwirklicht sind, diskutieren Ärzte, Philosophen und Medizinhistoriker bei der Jahrestagung u.a. am Beispiel der sogenannten personalisierten Medizin, die besonders in der modernen Krebstherapie angestrebt wird. Welche Person ist hier gemeint und wird der Patient als Person beachtet? Wird die alleinige Einteilung und Behandlung der Patienten, z.B. nach Tumormerkmalen oder Immunstatus, der jeweiligen Krankheitswirklichkeit des Betroffenen gerecht? Während der Onkologe Prof. Dr. Dirk Jäger, Direktor der Abteilung Medizinische Onkologie im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg von klinischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Konzepten der individualisierten Medizin berichtet, wird die Münchener Medizinhistorikerin Prof. Dr. Dr. Mariacarla Gadebusch Bondio sich der ideengeschichtlichen Problematik dieses neuen Verständnisses von Person und Individuum zuwenden.

Ein weiteres Thema ist der Wandel im Krankheitsbild speziell im Bereich der psychosomatischen Erkrankungen. Hier sind individuelles Erleben und Ausprägung der Erkrankung aufs Engste verwoben. Der Münchener Psychosomatiker Prof. Dr. Peter Henningsen zeigt in seinem Beitrag, dass es eine Vielzahl „moderner Krankheiten“ gibt, die manche Einsichten der Medizinischen Anthropologie Weizsäckers in neuem Licht erscheinen lassen. Die Experten aus Deutschland und dem Ausland beleuchten den kranken Menschen – gemäß der interdisziplinären und auch geisteswissenschaftlichen Ausrichtung der Weizsäcker-Gesellschaft – aus Sicht der Philosophie und Ethik über die Religion bis zur Medizin. Im Mittelpunkt steht der psychosomatische Zugang, der neue Wege zu einer heilsamen und unterstützenden Begleitung des Patienten im Sinne der anthropologischen Medizin eröffnet.