Was für Studierende beinahe zum Pflichtprogramm gehört, ist für junge Menschen, die einen Beruf erlernen, noch eher ungewöhnlich: der Auslandsaufenthalt als Bestandteil der Ausbildung. Im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg haben Auszubildende, die Berufe wie Biologielaborant, Fachinformatiker oder Bürokauffrau erlernen, seit 2009 die Möglichkeit, einige Wochen Erfahrungen im europäischen Ausland zu sammeln. Von dieser Chance machen mittlerweile jährlich rund zehn der derzeit insgesamt 120 Auszubildenden Gebrauch.

In 2014 schickte das DKFZ neun junge Menschen auf die Reise nach England, Malta, Schottland, Schweden und Spanien. Bis zu 12 Wochen arbeiteten sie in den gastgebenden Forschungseinrichtungen und Betrieben und verbesserten damit nicht nur ihre Sprachkenntnisse, sondern lernten auch andere Arbeitssituationen und Kulturen kennen. Ihre Erfahrungen präsentierten sie im Rahmen einer Posterausstellung am 19. Januar 2015 im Kommunikationszentrum des DKFZ. Bei dieser Gelegenheit überreichte DKFZ-Projektleiterin Marina Diwo zudem die Euro-Pässe für ein erfolgreich absolviertes „Erasmus+“-Programm.

Auslandsaufenthalte für Azubis werden gefördert

„Gerade für die Arbeit in einer so stark international ausgerichteten Forschungseinrichtung wie dem Deutschen Krebsforschungszentrum sind die Auslandsaufenthalte unserer Azubis ein absoluter Gewinn“, bestätigt Dr. Celina Cziepluch, Leiterin der Aus- und Weiterbildung im DKFZ. Deswegen hat das DKFZ sowohl im Rahmen des europäischen Bildungsprogramms „Leonardo da Vinci“ wie auch dessen Nachfolger „Erasmus+“ ein eigenes Projekt beantragt und bewilligt bekommen, um Auslandsaufenthalte für Azubis zu fördern. Für seine besonderen Leistungen im Bereich der Internationalisierung der dualen Berufsausbildung erhielt das DKFZ 2012 und 2014 eine Auszeichnung der Servicestelle „Go for Europe“, einem Gemeinschaftsprojekt der baden-württembergischen Wirtschaft.

Praktikum im University College in London

Yvonne Feges

Yvonne Feges. Foto: dkfz.de

Für Yvonne Feges war die Chance auf einen Auslandsaufenthalt ein Grund, sich nach dem Abitur für eine Ausbildung im DKFZ zu entscheiden: „Es gibt leider immer noch sehr wenige Arbeitgeber, die eine solche Möglichkeit bieten“, bedauert die 22-jährige angehende Biologielaborantin. In 2014 absolvierte sie gemeinsam mit einer Freundin und Kollegin ein dreimonatiges Praktikum im University College in London. Sowohl die Praktikumsplätze, als auch Reise und Unterkunft hatten die beiden im Vorfeld selbst organisiert. Gemeinsam mit Studenten und Doktoranden aus aller Welt arbeiteten sie dort an einem wissenschaftlichen Projekt zu einer Blutkrankheit, einer besonderen Art von Anämie.

Sich im Labor einzuarbeiten war für die beiden deutschen Azubis kein Problem: „Im Grunde arbeiteten wir dort mit denselben Geräten und Techniken wie in Heidelberg auch“, erzählt Yvonne Feges. „Eine tolle Erfahrung war vor allem die Zusammenarbeit in einer wirklich internationalen Arbeitsgruppe, in der bemerkenswerterweise kein einziger Brite vertreten war.“ Dass die Kollegen dort mit ihrem Status als Auszubildende nichts anzufangen wussten, spielte letztlich keine Rolle. Auch wenn das Modell der dualen Berufsausbildung im Ausland praktisch unbekannt ist, überzeugten die beiden Deutschen mit ihren Fachkenntnissen und Fähigkeiten und waren schnell als „Studentinnen“ anerkannt und integriert.

Eigenes Projekt im Karolinska Institut in Stockholm

Torben Christof

Torben Christof. Foto: dkfz.de

Diese Erfahrung machte auch Torben Christof, der 2014 ebenfalls als Biologielaborant im zweiten Ausbildungsjahr, den Sprung ins Ausland wagte. Während seiner drei Monate im berühmten Karolinska Institut in Stockholm war er von Anfang an voll integriert und durfte sogar ein eigenes Projekt bearbeiten. Bei der Untersuchung von Proteinstrukturen lernte er für ihn ganz neue Verfahren kennen.

„Das war zwar anspruchsvoll und bedeutete viel Arbeit, hat aber großen Spaß gemacht, weil ich komplett eigenverantwortlich arbeiten durfte“, erinnert sich der 20-Jährige. Das habe ihn einen riesigen Schritt voran gebracht: „Ich bin froh, dass ich diese Chance genutzt habe und zudem auch ein bisschen stolz. Zum einen, weil ich das Projekt dort erfolgreich abschließen konnte und zum anderen, weil ich durch die Zeit in Schweden sehr viel selbstständiger geworden bin – nicht nur beruflich.“ Auch seine Englischkenntnisse haben sich deutlich verbessert, was ihm nun in seiner neuen, rein englischsprachigen Arbeitsgruppe im DKFZ zu Gute kommt. „Jeder, der diese tolle Möglichkeit erhält, sollte sie unbedingt nutzen“, rät Torben Christof daher allen Kolleginnen und Kollegen in der Ausbildung.

Auch Yvonne Feges Resümee fällt durchweg positiv aus: „Ich bin noch viel weltoffener geworden, als ich vorher schon war“, sagt sie. Bereits während der Schulzeit hatte sie sechs Monate in Kanada verbracht, aber erst seit ihrem Londoner Aufenthalt könne sie sich vorstellen, tatsächlich länger im Ausland, fernab der Heimat, zu arbeiten und zu leben. Im Juli 2015 wird sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Danach möchte sie auf jeden Fall studieren – sehr gerne zumindest für einige Zeit im Ausland.