Urwald soll im Kreis Bergstraße entstehen, dafür hat das Forstamt Lampertheim anhand der hessischen Naturschutzleitlinie ein Konzept entwickelt. In kleinen, von der Forstverwaltung ausgesuchten Flächen („Kernflächen“) soll künftig keine forstwirtschaftliche Nutzung mehr stattfinden, so dass sich dort „Urwald“ entwickeln kann. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) an der Bergstraße bewertet dies einerseits als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung, bemängelt aber gleichzeitig, dass der Naturschutz im Forst dennoch zu wünschen übrig lässt. Die Kritik des Umweltverbands richtet sich dabei sowohl auf die Umsetzung des neuen Kernflächen-Konzepts als auch auf die Handhabung des Naturschutzes im täglichen Forsthandwerk.

„Grundsätzlich positiv ist die Idee, Waldflächen aus der Bewirtschaftung zu nehmen“, meint Guido Carl, Vorsitzender des BUND Bergstraße. Doch schon die Naturschutzleitlinie von Hessen-Forst bleibe mit geplanten fünf Prozent stillgelegtem Forst bereits weit hinter der Zielsetzung von 10 Prozent der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ des Bundesumweltministeriums von 2007 zurück. Weitere Flächenanteile müssten daher noch aus der Bewirtschaftung herausgenommen werden.

Die Umsetzung der Naturschutzleitlinie in Auen- und Bruchwäldern und am Melibokus (= mit ca.  520 Meter der höchste Berg an der südhessischen Bergstraße, Anmerk. d. Red.) findet durchaus die Anerkennung der Umweltschützer. Kritische Anmerkungen gibt es dagegen zu der Auswahl der Flächen in den alten Buchen- und Eichenwäldern des Riedwalds zwischen Rhein und Bergstraße. So seien die aus ökologischer Sicht besonders wertvollen Waldbereiche bei der Auswahl der Kernflächen nicht angemessen berücksichtigt worden. Der Flächenanteil ist mit unter 3 Prozent hier deutlich zu klein und die ausgewählten Flächen z.T. wenig geeignet. Fragwürdig sei beispielsweise, ob ein isoliertes und bereits zerteiltes Waldstück in einem Autobahndreieck als „Hotspot“ für die Artenvielfalt dienen kann.

Auch im Tagesgeschäft sieht der BUND Verbesserungsbedarf. „Hessen-Forst muss seinen Waldumbau an die Ziele der Natura 2000-Gebiete anpassen“, erläutert Herwig Winter. „Alte Buchen und Eichen müssen als Lebensraum geschützter Arten so lange als möglich erhalten bleiben und dürfen nicht vor ihrem biologischen Ende gefällt werden“. Daneben sei auch die Erwartung unbegründet, man könne nur mit Kiefern-Neupflanzungen den Hochwald langfristig retten, da auch in einigen Bereichen des Riedwalds eine sich dort gut entwickelnde Buchenverjüngung zeigt, dass auch Laubbäume hier eine Zukunft haben können.

Ein Dorn im Auge sind dem Umweltverband auch die inzwischen üblichen Holzerntearbeiten in der Brut- und Setzzeit. „Wenn die Vögel brüten wollen und die Säugetiere des Waldes ihre Jungen zur Welt bringen, dann muss im Wald möglichst Ruhe herrschen,“ fordert Guido Carl. Baumfällungen, Maschineneinsatz zum Holzrücken und viele Menschen, die im Wald ihr Brennholz sägen, führen unweigerlich zu massiven Störungen. Wenn in alten, sogar als Vogelschutzgebiete ausgewiesenen Wäldern noch im März oder April hinein Holz geerntet wird, dann verlassen viele Vögel ihre angestammten Bruthorste und Höhlen oder Vogelbruten werden sogar zerstört.

Abschließend weist der BUND nachdrücklich darauf hin, dass umfassender Naturschutz im Riedwald nur gelingen kann, wenn die Grundwasserstände saniert werden. Bei aller Kritik sieht der BUND in Hessen-Forst einen wichtigen Verbündeten, wenn es darum geht, am Runden Tisch für das Hessische Ried Lösungen zu finden, die den Bäumen in den Riedwäldern wieder einen Anschluss an das Grundwasser verschaffen.