In 2012 ist im oekom Verlag in München das Buch „Was uns nährt, was uns trägt“ erschienen, ein Werk mit Aspekten humanökologischer Orientierung zur Welternährung. Herausgeber ist zum einen Prof. Kurt Egger, der wenige Monate zuvor verstorben ist, und zum anderen der Heidelberger Dipl.-Biologe Stephan Pucher. ecoGuide befasste sich mit diesem recht komplexen Thema sowie einer eher ungewöhnlichen Zusammenstellung – und fragte nach. Bereits gestern, am 24. Oktober 2013, veröffentlichte ecoGuide Teil 1 (über die Herausgeber und das Buch). Heute – im Teil 2 – folgt das Interview mit Stephan Pucher:

Frau auf Feld

Foto: Stephan Pucher

Nachgefragt

ecoGuide: Herr Pucher, Sie waren mehrfach in Afrika, speziell in Ruanda, und haben sich vor Ort ein Bild von den landwirtschaftlichen Projekten machen können. Wie steht es dort heute, Ende 2013, um die dort initiierten Ecofarming-Projekte?

S. Pucher: Die bereits in den 1970er Jahren initiierten Projekte waren sehr erfolgreich. Viele der in den ersten 20 Jahren in diesen Projekten entwickelten Methoden sind inzwischen zur selbstverständlichen Praxis vieler Bäuerinnen und Bauern geworden und haben das Land sehr verändert. Man erkennt das, wenn man mit dem Flugzeug über Ruanda und dann Burundi fliegt. In Ruanda stehen weitaus mehr Bäume auf landwirtschaftlichen Flächen, als im geographisch und kulturell sehr ähnlichen Burundi. Die Wirkung der Projekte wurde auch von Frau Herrig (¹) an der Universität Trier statistisch hochsignifikant belegt. Vom World Future Council wurde Ruanda 2012 wegen seiner vorbildhaften Waldpolitik ausgezeichnet (²) . Dabei wurde insbesondere auch die weit verbreitete Agroforstwirtschaft gelobt.

ecoGuide: Haben Ihre Afrika-Aufenthalte Ihre Beziehung zur Natur in irgendeiner Weise verändert?

S. Pucher: Ihre Frage klingt auf den ersten Blick einfacher als sie ist, denn was meinen Sie mit Natur? Die Wildnis in den großen Nationalparks? Die Natur mit der die ländliche Bevölkerung lebt und die sie bewirtschaftet oder gar meine eigene Natur, die sich auf meinen Afrikareisen tatsächlich anders anfühlt als in Europa?

Aber ja, auf allen diesen Ebenen hat sich meine Beziehung zur Natur verändert. Die Luft, der Himmel, die Gerüche, alles scheint mir dort näher, unmittelbarer, manchmal auch bedrohlicher zu sein. Mir ist die enge Verbindung des Menschen mit der Natur dort erst richtig bewusst geworden. Unser Begriff von Natur, der von Kultur zu Kultur und von Epoche zu Epoche sehr verschieden sein kann, ist auch ein Thema in unserem Buch.

ecoGuide: Was waren Ihre Beweggründe, dass Sie eines Tages begannen, sich speziell für den ökologischen Landbau in den Tropen zu engagieren?

S. Pucher: Als ich in den 80er Jahren in Heidelberg Biologie studierte, hatte ich das Glück, auf Prof. Egger zu treffen. Herr Egger kannte sich nicht nur in der modernen, wie in der klassischen Biologie aus, sondern konnte das Wissen auch auf die Politik und Gesellschaft übertragen und er zog daraus interessante Schlüsse. Für mich öffneten sich faszinierende neue Horizonte und als ich die Gelegenheit hatte, mit ihm auf eine Exkursion nach Ruanda zu reisen, zögerte ich keinen Moment dabei zu sein. Ein gutes Jahr später machte ich dann meine Diplomarbeit in Ruanda. Danach hat mich weder das Land noch das Thema des ökologischen Landbaus in den Tropen wieder losgelassen.

Titelseite Was uns nährt

K. Egger / S. Pucher (Hrsg.): Was uns nährt, was uns trägt. Oekom Verlag, München, 2012. 312 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-86581-319-0

ecoGuide: In Zentralamerika liegen die Anbauflächen – meist Monokulturen – hauptsächlich in den Händen weniger Großgrundbesitzer, die rücksichtslos gegen Kleinbauern vorgehen. Mit welchen Hauptschwierigkeiten haben die Kleinbauern in Afrika zu kämpfen?

S. Pucher: Die Kleinbauern in vielen (nicht allen!) afrikanischen Ländern leiden unter den korrupten Regierungen ihrer Länder, die bereit sind für eigene Vorteile ihr Land an ausländische Investoren zu verscherbeln. Viele Kleinbauern haben keine verbrieften Landrechte, da die traditionellen Rechte nie in Büchern festgehalten wurden. Anstatt aber die traditionellen Rechte anzuerkennen, wird das Land der Bauern von manchen Regierungsbeamten an ausländische Investoren verkauft. Die Bauernfamilien verlieren auf einen Schlag ihre gesamte Existenz und müssen von diesem Moment an ums Überleben kämpfen. Gleiches gilt auch für die Küstenregionen, in denen die Lizenz für den Fischfang vor der Küste an große internationale (auch europäische) Fischereiflotten verkauft wird und die lokalen Fischer nichts mehr in ihren Netzen haben.

Die so in die Katastrophe getriebene Bevölkerung kämpft ums Überleben und schickt die Stärksten aus der Familie los. Sie sollen in Europa die Möglichkeiten ausloten, um die Familie zu retten. Das Ende kennen wir aus den Medien, wenn wieder ein Schiff vor Lampedusa untergegangen ist oder die glücklichen, die den Weg überlebt haben, abgeschoben werden. Tausende Menschen sind auf diesem Weg bisher umgekommen und fehlen den Familien, die sie zur Bewältigung ihrer Überlebensprobleme dringend benötigen.

ecoGuide: Inwiefern haben sich die Ernährungsgewohnheiten – gerade in den Städten Afrikas – in den letzten Jahrzehnten verändert – und welche Auswirkungen hat dies für die Gesundheit der Bevölkerung?

S. Pucher: Kleinbauern haben überall in der Welt einen schweren Stand. In afrikanischen Ländern müssen sie neben den eben geschilderten Problemen des Landgrabbings auch die internationale Konkurrenz auf dem Lebensmittelmarkt fürchten. Billigimporte und Lebensmittelhilfen führen dazu, dass die lokalen Lebensmittelmärkte Kleinbauern oftmals kein ausreichendes Einkommen mehr verschaffen, um überleben zu können. Die Folge ist, dass Bauern ihre Felder aufgeben und die regionale Versorgung brachliegt. Die Billigimporte, beispielsweise aus der Europäischen Union, sind einfach eine zu starke Konkurrenz, aber auch der Klimawandel macht vielen Bauern zu schaffen, da die Ernten – z.B. bei zu früh nach der Regenzeit ausbleibendem Regen – nicht mehr gesichert sind. Die Städte werden also viel weniger als früher von den lokalen Bauern mit Nahrungsmitteln versorgt. Die Menschen dort verlieren ihre angestammten Essgewohnheiten und kaufen die „modernen“ Lebensmittel aus dem amerikanisch-europäischen Kulturraum. Sie verlieren dadurch ihre Ernährungssouveränität und einen Teil ihrer kulturellen Identität. Gesundheitlich kann sich das unterschiedlich auswirken. Es kann sowohl zur Mangelernährung führen, als auch zu den Zivilisationskrankheiten, wie wir sie auch aus Deutschland kennen. Das hängt vom Geldbeutel der betreffenden Person ab.

ecoGuide: Werfen wir abschließend einen Blick in die Zukunft: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Rolle des standortgerechten Landbaus in den Tropen?

S. Pucher: Die Hoffnungen, die ich in den standortgerechten Landbau setze, sind groß. Viele unserer Probleme können durch ihn abgemildert werden: Die Ernährungssicherung, die Flüchtlingsproblematik und die Artenverarmung. Zudem ist der standortgerechte Landbau durch die vielen Bäume, die in dem System angebaut werden, eine wichtige Maßnahme für den Klimaschutz. Die Befürchtung, nachhaltige Landbausysteme seien zu komplex und könnten nicht von der Landbevölkerung umgesetzt werden, ist ausgeräumt. An Ruanda sieht man, dass eine Umsetzung zwar viele Jahre und Jahrzehnte dauert, dann aber sehr erfolgreich sein kann. Wichtig ist dabei nur, dass die kulturellen und ökologischen Aspekte bei der lokalen Anpassung des Systems immer bedacht werden.

Eigentlich könnte man recht hoffnungsfroh in die Zukunft schauen, doch leider sind auch die Gegenkräfte immens. In Afrika lässt sich mit Ackerböden und Nahrungsmitteln viel Geld verdienen, sowohl von ausländischen Investoren, als auch von Mächtigen in den jeweiligen Ländern. Eine funktionierende kleinbäuerliche Landwirtschaft passt aber nicht in die Geschäftsmodelle dieser Personen. Der nun schon einige Jahrzehnte andauernde Kampf zwischen den Vertretern des standortgerechten Landbaus und diesen profitorientierten Personen erscheint einem wie der Kampf von David gegen Goliath. Aber wir wissen ja, dass ein solcher Kampf auch unerwartet ausgehen kann. Das ist meine Hoffnung!

ecoGuide: Herr Pucher, wir danken Ihnen für Ihre Ausführungen!

  • (¹) Herrig, Anne, 2013: Nachhaltiger Klimaschutz durch standortgerechte Landwirtschaft, Akademiker Verlag
  • (²) World Future Council, 2012: Wälder für Menschen, Einblicke in die ausgezeichnete Waldpolitik Ruandas

Weitere Informationen:
Verein zur Förderung des ökologischen Landbaus in den Tropen e.V.
www.foelt.org