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Foto: Stephan Pucher

In 2012 ist im oekom Verlag in München das Buch „Was uns nährt, was uns trägt“ erschienen, ein Werk mit Aspekten humanökologischer Orientierung zur Welternährung. Herausgeber ist zum einen Prof. Kurt Egger, der wenige Monate zuvor verstorben ist, und zum anderen der Heidelberger Dipl.-Biologe Stephan Pucher. ecoGuide befasste sich mit diesem recht komplexen Thema sowie einer eher ungewöhnlichen Zusammenstellung – und fragte nach. Den 2. Teil (Interview mit Herausgeber Stephan Pucher) veröffentlicht ecoGuide am Freitag, 25. Oktober 2013.

Die Herausgeber

Kurt Egger war an der Universität Heidelberg Professor für Botanik und langjähriger Mastermind des ökologischen oder standortgerechten Landbaus in den Tropen, einem Thema, mit dem er sich über Jahrzehnte hinweg beschäftigte. Prof. Egger gehörte zu den Gründungsmitgliedern von AGRECOL. Stark war sein Wirken auf die entwicklungspolitischen Arbeiten der beiden großen kirchlichen Organisationen in Deutschland, „Brot für die Welt“ und „MISEREOR“. In zahlreichen Diözesen des Südens finden sich heute soziale und ökonomische Förderprogramme, die mit agrarökologischen Ansätzen arbeiten. Prof. Egger konnte etliche Studentengenerationen für die Sache des ökologischen Landbaus gewinnen. In seinem letzten Werk publiziert er mit Unterstützung seiner ehemaligen Arbeitsgruppe sowie Kolleginnen und Kollegen die Summe seiner Erfahrungen, Erkenntnisse und weiterführenden Überlegungen.

Herausgeber Stephan Pucher arbeitet beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) und ist zudem in der Erwachsenen- und Jugendbildung tätig. Seit 1995 gehört er dem Vorstand von FÖLT e.V. (Verein zur Förderung des ökologischen Landbaus in den Tropen) an, sowie der Arbeitsgruppe „Ökologischer Landbau in Ruanda“, mit der er Ecofarming-Projekte mitentwickelte.

Humanökologie – eine zukunftsweisende Disziplin

Die Humanökologie ist an der Schnittstelle von Sozial- und Naturwissenschaften angesiedelt. Humanökologische Ansätze werden somit in vielen verschiedenen Disziplinen, z.B. in der Anthropologie, Geographie oder Ökologie, betrieben. Je nach Fragestellung sind aber auch andere Nachbardisziplinen wie z.B. die Agrarsoziologie, Landschaftsplanung oder Ökonomie einbezogen. Ein Gebiet, das in den letzten Jahrzehnten hierbei immer mehr Beachtung gefunden hat, ist das der nachhaltigen Entwicklung. Die Humanökologie ist eine zukunftsweisende Disziplin, in der es (ganzheitlich betrachtet) immer um Wirkungszusammenhänge und Interaktionen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt geht.

Das Buch

„Was uns nährt, was uns trägt“ will sich nicht einreihen in die vielen Veröffentlichungen zu Nahrungsmittelproduktion und -industrie, Welthandel und Globalisierung, arme hungernde Länder und westliche Überflussgesellschaften. Das Werk bietet hierzu keine ausführliche Analyse und kein Rezept für einen Ausweg aus den Krisen. Seine Artikel, die sich sowohl mit der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in den Tropen beschäftigen als auch mit Themen wie „Ästhetik“, „Natur“ oder „Spiritualität“, möchten die Leser vielmehr anregen, die Doppelnatur der menschlichen Ernährung zusammen zu denken und so vereinfachende Lösungswege aus der globalen ökologischen Krise, aber auch der Ernährungskrise, zu vermeiden.

Buchpräsentation

Foto: Meike Pucher

Der erste Buchteil beschäftigt sich mit Landwirtschaftsprojekten in den Tropen, die sich vorbildlich um einen Einklang zwischen physischer und kultureller Ernährung der Menschen bemühen. Es geht um Projekte, die die Ernährungssouveränität in armen wie reichen Regionen der Erde fördern, und dies auf einer sehr menschen- und naturnahen Ebene. Dabei sind sie tief in die jeweiligen Kulturen eingebunden und liefern aus ihnen heraus nachhaltige Lösungsansätze, die jedoch nicht direkt auf die globale Ebene übertragen werden können oder sollen. Durchaus aber könnten sie jederzeit, kulturell angepasst, an vielen Orten der Erde in ähnlicher Form gestartet werden und hätten dann in ihrer Gesamtheit sehr wohl einen bedeutenden Einfluss auf die globale Welternährung.

Die Berichte werden im zweiten Teil mit einer anderen Art von Erfahrung von Natur, Ästhetik und Kultur kontrastiert, die, oberflächlich betrachtet, mit dem sich nähren im engeren Sinne, also der körperlichen Aufnahme von Nahrung, nichts zu tun hat. Im Sinne der doppelten Nahrungskette nach Dieter Steiner hat sie jedoch aus Sicht der Herausgeber für das menschliche Überleben eine ebenso wichtige Bedeutung und kann im übertragenen Sinne als Nahrung verstanden werden. Die uns tragende Form der Ernährung hat in den Kulturen der Welt sehr unterschiedliche Gesichter und wandelt sich auch von Epoche zu Epoche. Das gilt insbesondere für den uns so geläufigen Begriff „Natur“ in der abendländischen Geschichte.

Nach Ansicht der Herausgeber wird unsere Weltgesellschaft der beschriebenen Verantwortung auf Dauer nicht gerecht, wenn sie die Natur nur als Produktionsstätte zur Befriedigung materieller Bedürfnisse versteht, wenn die Mehrzahl der mächtigen Akteure nur in großen Dimensionen denkt, die sie letztlich nicht verantworten können, und wenn sie die Vielfalt kleiner, lokal angepasster Projekte eher blockieren als fördern.

So drohen seit einigen Jahren beide Seiten der Ernährung, die nährende und die tragende, zu entgleiten: durch eine Übernutzung unseres Planeten, eine ständig wachsende Weltbevölkerung und nicht zuletzt durch neoliberale Wirtschaftsstrukturen, die die Ansprüche einiger Weniger ins Groteske übersteigern. Wir werden unsere Welt nur verstehen, verändern und somit bewahren können – so die Herausgeber in ihrem Vorwort –, wenn wir die uns tragenden kulturellen Säulen weiterentwickeln und uns wieder auf kleine verstehbare Einheiten einlassen. Bei der Sorge ums Überleben dürfen wir uns den Blick auf das Wahre und Schöne nicht verstellen. Beides – das Nähren und das Tragen – kann und sollte zusammengedacht werden. Beides ist daher im Buch zusammengefasst.

Buch-Tipp:

K. Egger / S. Pucher (Hrsg.): Was uns nährt, was uns trägt
Oekom Verlag, München, 2012, 312 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-86581-319-0